Die psychotherapeutische Behandlung der Hyperhidrosis

Psychotherapie gegen Schwitzen
Psychotherapie gegen Schwitzen

Die Ursachen der symptomatischen Auffälligkeit eines Hyperhidrotikers liegen überwiegend im seelischen Bereich. Unbewußt seelische Konflikte gestalten und entwickeln sich auf somatischer Ebene und führen eine eigendynamische Existenz. Es kommt folglich zu den für die Betroffenen so belastenden und unerwünschten Überfunktionen der Schweißdrüsen.

In den psychologischen Beratungs- und Behandlungspraxen ist dieses Phänomen, die Neigung zu exzessiven Schweißausbrüchen, ein sehr häufig anzutreffendes körperliches Symptom, wenn es auch oftmals in Kombination mit anderen Symptomen auftritt und seltener als ausschließliches und isoliertes Phänomen diagnostiziert wird.

Das Seelenleben des Menschen ist ein grundauf komplexer und unerforschter Bereich, über den vielseitige Meinungen und Anschauungen existieren, deren wichtigster Konsens vornehmlich darin besteht, daß Unordnungen und Überlastungen des Seelenlebens die Ursache für krankhafte Erscheinungen begründen.

Die Seele des Menschen ist begrifflich schwer definierbar, kann allgemein aber als eine eigentümliche, übergeordnete Sphäre menschlicher Existenz aufgefaßt werden, die alle Ebenen des Seins umfaßt und durchdringt. Ihre dynamischen Wirkungen sind äußerst kompliziert. Sie durchdringen und beeinflussen sich auf allen Ebenen menschlichen Lebens gegenseitig, wodurch eben auch die Genese einer Krankheit infolge seelischer Entgleisungen erklärbar wird.

 

Schwitzen als Folge seelischen Überdrucks

Der Hyperhidrotiker beispielsweise reagiert auf seine individuelle Problemsituation in auffälliger Weise mit einer übermäßigen Schweißsekretion, was als Folge seines seelischen Überdrucks und als Indiz einer innerpersönlichen Desintegrität verstanden werden kann.

Die Ursachen wiederum, die zur seelischen Überfrachtung führen, sind individuell sehr mannigfaltig und können im Kern neben Dissonanzen der menschlichen Grundbedürfnisse, wozu Werte wie Achtung, Liebe, Erfolg und  Sexualität gehörig sind, auch mit Belastungen im Berufsleben, im familiären  und vor allem im sozialen Bereich einhergehend sein. Die Grundlagen solcher Konfliktsituationen werden zeitlich meist schon in der frühen Kindzeit geschaffen, was im Zusammenhang mit der Neurosentheorie im ersten Kapitel bereits zum Ausdruck gebracht wurde.

Aufgrund der bewiesenen Tatsache, daß auch seelische Ursachen das Phänomen der Hyperhidrosis mitbeeinflussen, nicht selten  werden diese sogar als die alleinige Wurzel der krankhaften Erscheinung beschrieben, erweist sich eine nur einseitig medizinische Behandlung dieser Erkrankung, z.B. ohne jegliche Berücksichtigung bedeutsamer psychischer Aspekte, mehr als unbefriedigend. Aus diesem Grund sollte neben einer medizinischen Begutachtung der Problematik des pathologischen Schwitzens stets auch begleitend eine psychologische Untersuchung des Betroffenen erfolgen. Eine Anamnese sollte daher nicht nur zur Exploration organischer Befunde erhoben werden, parallel sollte auf jeden Fall auch eine psychologische Ursachensuche ablaufen.

Es gilt also die Krankheitsursachen sowohl aus organischer, als  auch aus psychologischer Perspektive abzuklären. Ein betroffener Hyperhidrotiker sollte sich vor Therapiebeginn zugleich  einer medizinischen wie auch einer psychologischen Diagnostik, mit entsprechenden Befunderhebungen, unterziehen, was dem Idealfall von Diagnose und Behandlung gleichkäme.

Auch die pychischen Folgeerscheinungen einer Hyperhidrosis, das krankhafte Schwitzen führt in den meisten Fällen zu schweren Depressionen und allgemeinen Gemütserkrankungen, was als somata-psychische Reaktion aufgefaßt werden kann, verdeutlicht die Forderung einer differentialdiagnostischen Vorgehensweise zur Erkundung der Krankheitsauslöser. Wird dann bei differentialdiagnostischer Erhebung festgestellt, daß psychische Faktoren den Krankheitsprozeß mitbestimmen, so sollte der Diagnostiker dringlich auch auf die Möglichkeit des Patienten hinweisen, eine psychologische Therapie in Anspruch zu nehmen.

Das gleiche Prinzip hat aber auch umgekehrt eine verbindliche Gültigkeit. Stößt ein Behandler in der psychologischen Diagnosepraxis auf eventuelle organische Ursachen einer Hyperhidrosis, so  muß sich folgerichtig eine körperliche Befunderhebung anschließen.

psychogenes Schwitzens

Neben der apparativen Medizin mit ihren physikalischen Techniken und chemischen Medikationen, die dem Bereich der klassischen Organmedizin zugehörig sind, ist somit die Behandlung seelischer Beschwerden, die dem Fachbereich der Psychotherapie angehört, für den Heilungsverlauf  einer Hyperhidrosis von entscheidender Gewichtigkeit.

Die Psychotherapie befaßt sich ausschließlich mit den seelischen und psychosomatischen Ursachen menschlichen Leidens und bedient sich hierbei seelischer Anwendungsmittel. Zu diesen seelischen Mitteln zählen neben dem psychotherapeutischen Gespräch - von daher wird Psychotherapie vielfach auch als Verbalmedizin bezeichnet - alle kommunikativen Prozesse, wozu auch nonverbale oder szenische Informationen gehören.

Im Rahmen der Psychotherapie können jedoch auch medikamentöse Applikationen  begleitend eingesetzt werden, insbesondere Psychopharmaka werden in schwierigen Krankheitsfällen, auch zur Behandlung extremer Hyperhidrosen,  unter permanenter Kontrolle, verabreicht.

In der Psychotherapie konstelliert sich zwischen dem Behandler, dem Psychotherapeuten, und dem Patienten eine Art Arbeitsbündnis,  dessen Gestaltung für den therapeutischen Erfolg eine tragende Rolle spielt. Die psychotherapeutische Beziehung ist das fundamentale Element zur Verwirklichung des therapeutischen Ziels, denn ohne eine vertrauensvolle, aufrichtige  und menschliche Zweisamkeit im Therapiebündnis, wird sich kaum eine Leidensbefreiung oder gar die Symptombefreiung des Hyperhidrotikers herbeiführen lassen. Aus diesem Grund ist auch an die Fachkompetenz des Psychotherapeuten, an seine Schulung und Erfahrung, eine hohe Anforderung gerichtet.

Primäres Ziel der Psychotherapie ist es, dem Leidenden durch das Gespräch Einsichten in sein Seelenleben zu eröffnen, Deutungen und Interpretationen zu vermitteln, die den Konfliktbereich des Betroffenen bewußt machen, der ja die Hauptursache des Leidens darstellt und somit ursächlich für das abnorme Schwitzen sein kann.  Diese unterschwelligen, im Unbewußten schwelenden Konflikte, sollen dem Patienten zur Einsicht gebracht werden, denn durch diese Verfahrensweise kann der dem Leiden zugrunde liegende psychische Druck, der sich so oft schon über die Funktion der Schweißdrüsen entladen hat und sich auf diese Weise Gehör verschaffte, wesentlich gemindert werden.  Der Betroffene soll ein sogenanntes Aha-Erlebnis erfahren, wodurch die jahrelang am eigenen Körper erlebten und von Unverständnis begleiteten  Phänomene seines Leidens endlich an Klarheit gewinnen.

Hinsichtlich der Psychotherapie bleibt der Mensch somit Subjekt und Mittelpunkt der Bahndlungssituation, bei der Organmedizin hingegen ist er vielfach Objekt bestimmter Techniken oder technischer Verfahrensweisen. Man kümmert sich lediglich um das Symptom des Patienten. Vordergründiges, wenn nicht sogar einziges Ziel bleibt hier die Symptomkurierung, während in der Psychotherapie die Ganzheit des Menschen zentraler Orientierungspunkt der Behandlung bleibt.

Psychischer Leidensdruck eines Hyperhidrotikers

Da der Leidensdruck eines Hyperhidrotikers sehr stark ist, erscheint ein zeitlicher Ansatz von vielen Jahren Behandlungsdauer, wie etwa im Rahmen einer Psychoanalyse veranschlagt,  für die Situation der Geplagten als sehr ungenügend. Man erhofft sich vielmehr eine möglichst rasche Beseitigung und Heilung des peinigenden Symptoms und keinen unbefriedigenden Heilungsaufschub auf etliche Jahre hinaus.

Der entscheidende Zeitfaktor wird demgegenüber von den Verfahren der Kurzzeitpsychotherapie entsprechend berücksichtigt, die im Gegensatz zu Langzeitbehandlungen einen wesentlich geringeren Behandlungszeitraum ansetzt. Manchmal umfaßt sie nur wenige wöchentliche Sitzungen, was dem Hilfesuchenden sehr entgegenkommt. Zudem erweist sich ein geringer zeitlicher Behandlungsraum in keinster Weise als weniger heilungseffektiv gegenüber einer langwierigen, über etliche Jahre andauernden Therapie.

Insgesamt existiert eine Vielzahl verschiedener Psychotherapieverfahren, die hier aber nicht alle aufgezeigt werden sollen, da es in diesem Zusammenhang nur auf die inhaltliche Darstellung und Funktion der Psychotherapie allgemein und deren Relevanz für die Hyperhidrosisbehandlung  ankommt.

Welches Psychotherapieverfahren aber nun für einen betroffenen Hyperhidrotiker in Betracht käme, kann nicht pauschaliert werden. Hier ist die Beurteilung des Einzelfalles ausschlaggebend, zudem spielen nicht zuletzt auch Kostenfaktoren, nicht alle Therapieverfahren werden nämlich von den Krankenkassen getragen, aber auch die zeitliche Gestaltung der Behandlung, eine entscheidende Rolle für das Therapieauswahlverfahren.

Die Psychotherpie repräsentiert somit ein Heilverfahren, das für sich allein oder in Kombination mit anderen Therapien zur Behebung einer Hyperhidrosis effektiv beitragen kann.