Wenn der Schweiß in strömen fließt

von Dietmar Stattkus (Kommentare: 0)

Kosmetik Ausgabe 07/2019 Psyche und Schwitzen

Interview mit Dietmar Stattkus zum Thema „Psyche und Schwitzen“ in KOSMETIK international 07/2019
Redakteurin: Nadine Schneider, KOSMETIK international Verlag, Medienplatz 1, 76571 Gaggenau, Tel.: 07225/916226, Email: schneider@ki-verlag.de

Inwieweit sind Menschen, die an Hyperhidrose leiden, besonders anfällig für Angst und Depression?

Angst und depressive Stimmungen können eine nicht seltene Folgeerscheinung übermäßigen Schwitzens sein. Betroffene sind wegen Ihrer Schweißerkrankung in ihrer Lebensqualität wesentlich beeinträchtigt was wissenschaftlich unlängst bewiesen wurde. Damit einher gehen dann natürlich auch begleitende Ängste wie die Sekundärangst vor dem Schwitzen selbst und das Verfallen in depressive Phasen und Gemütsstörungen, geprägt von Selbstzweifeln, Verzweiflung, Ohnmacht und Hilflosigkeit. Ob es aber zu diesen Folgephänomenen kommt hängt natürlich von der psychischen Konstitution Betroffener ab. So gibt es Hyperhidrotiker, die psychohygienisch mit ihrem Leid umgehen können und andererseits Betroffene, die in ein tiefes psychisches Loch geraten, aus dem man nur mit professioneller Hilfe Befreiung erfährt. Erforderlich ist bei Diagnose Hyperhidrosis immer auch eine differentialdiagnostische Vorgehensweise. Wird dann festgestellt, daß psychische Faktoren den Krankheitsprozess mitbestimmen, so sollte der Diagnostiker den Patienten dringlich auch auf die Möglichkeit hinweisen, eine psychologische Therapie in Anspruch zu nehmen.

In welcher Art und Weise kann übermäßiges Schwitzen das Leben von Betroffenen beeinträchtigen?

Es gibt eine Vielzahl von Beispielen in Literatur und aus Erfahrungsberichten, die eindringlich beschreiben, wie sich die Lebensqualität von Hyperhidrotikern in psychosozialer Hinsicht negativ entwickelt. So gibt es Betroffene, die an starkem Schwitzen der Hände leiden und dadurch Berufe, die eine Feinmotorik erfordern, gar nicht ausüben können oder nach Ausübung eben wegen des Schwitzens abbrechen mussten (Uhrmacher oder Chirurgen etwa, bei denen die schweißnassen Hände Arbeitsprozesse stark negativ beeinträchtigen). Aber auch berufliche Fort- und Weiterentwicklungen bis hin zu Karrierechancen sind durch die vielfach mit dem Schwitzen einhergehenden emotionalen Niederlagen und Ängste beschränkt oder für Betroffene gar nicht erreichbar. Die Partnersuche, soziale Beziehungen ganz allgemein und das Intimleben Betroffener sind je nach Grad und Intensität einer Schwitzstörung ebenfalls beeinträchtigt.

Wann sollten Betroffene einen Psychotherapeuten aufsuchen?

Eine Anamnese bei krankhaftem Schwitzen sollte nicht nur zur Exploration organischer Befunde erhoben werden, parallel sollte auf jeden Fall auch eine psychologische Ursachensuche ablaufen. Eine Psychotherapie ist dann indiziert, wenn eine psychische Grunderkrankung oder aber eine ausgeprägte psychische Folgeerkrankung vorliegt. Grundsätzlich sollte daher zur Beurteilung und Würdigung der Krankheit sowohl die psychische wie auch die physische Konstitution des Betroffenen herangezogen werden. In diesem Kontext wurde auch eindringlich darauf hingewiesen, dass seelische Faktoren, die von Betroffenen mit individuell unterschiedlicher Belastungsqualität und -quantität erfahren werden, als ursächlich für eine Anomalie der Schweißdrüsenfunktion sein können. Bei vielen Betroffenen liegt primär eigentlich gar keine psychische Störung vor. Sie kann aber durchaus vorliegend sein, etwa in Form einer emotionalen, psychischen Hyperhidrosis. Eine Antwort kann im Grunde nur durch einen auf dem Fachgebiet der Psychotherapie fachkundigen Behandler erfolgen. Ein solcher Schritt ist individuell und vom Verlauf und der Intensität der Schwitzstörung, des Ursprungs sowie der Folgeerscheinungen abhängig.

Ist eher das Schwitzen an sich für die Betroffenen das Problem oder der Geruch?

Der Schweißgeruch kann, muss aber nicht zugleich mit einer Hyperhidrose auftreten. Häufig ist Schweißgeruch, fachsprachlich Bromhidrose genannt, sogar eine eigenständige Krankheitsform. Natürlich kann auch bei einem Hyperhidrotiker zugleich unangenehmer Geruch auftreten, provoziert z.B. durch Bakterienzersetzungen bei axiallarem Schwitzen. In einem solchen Fall kann sich die Leidensintensität Betroffener dann noch zusätzlich steigern.

Betroffene gelangen dabei oft in eine Art Teufelskreis: Je mehr Angst sie davor haben, zu schwitzen, desto mehr schwitzen sie auch. Warum ist das so?

Es ist ein psychischer Teufelskreis, der mit negativen Zukunftserwartungen verbunden ist. Wer in Geselligkeit exzessiv und wiederholt schwitzt, der wird von den Befürchtungen geleitet auch künftig in ähnlichen Situationen wieder zu schwitzen. Diese Prophezeiung verselbstständigt sich dann. Psychologen sprechen von einer self-fullfilling-Prophecy. Die Angst vor eben diese Schwitzexzessen wirkt als Trigger, sozusagen als negativer Verstärker in diesem psychischen System.
Auf Ihre Schweißreaktionen hin ernten Betroffene nicht selten negative Reaktionen und Bewertungen. Dies führt zu einer selektiven Wahrnehmung des eigenen Schwitzproblems mit negativen Denkmustern (schon wieder…gleich geht’s los…wird es wieder so wie letztmalig…alle sehen mein Problem…). Diese negativen Gedankenmuster wiederum führen zu Angst und Scham in derartigen Situationen. Die Angst in sozial gestalteten Lebensszenen mit negativen Rückkopplungen kann sich fortan verallgemeinern, intensivieren und vertiefen, die körperliche Reaktion des Schwitzens zusätzlich verstärken und somit in einen Teufelskreis Circulus vitiosus mit typischem Vermeidungsverhalten münden.

Wie kann eine Psychotherapie helfen?

Primäres Ziel der Psychotherapie ist es, dem Leidenden durch das Gespräch Einsichten in sein Seelenleben zu eröffnen, Deutungen und Interpretationen zu vermitteln, die den Konfliktbereich des Betroffenen bewusst machen, der ja die Hauptursache des Leidens darstellt und somit (mit-) ursächlich auch für das abnorme Schwitzen sein kann. In den psychologischen Beratungs- und Behandlungspraxen ist dieses Phänomen, die Neigung zu exzessiven Schweißausbrüchen, ein nicht selten anzutreffendes körperliches Symptom, wenn es auch oftmals in Kombination mit anderen Symptomen auftritt und seltener als ausschließliches und isoliertes Phänomen diagnostiziert wird. Eine Psychotherapie versucht, laienhaft ausgedrückt, die Gründe für ein psychisch-emotionales Leid aufzudecken und dem Betroffenen bewusst zu machen. Es gibt eine Vielzahl an psychotherapeutischen Fachrichtungen, die unterschiedliche Denkansätze verfolgen. Im Zuge einer Differentialdiagnose sollte abgeklärt werden, ob und wenn ja welche Psychotherapie überhaupt indiziert wäre (Verhaltenstherapie, Gesprächstherapie pp.).

Was veranlasste Sie dazu, den Ratgeber „Hilfe, ich schwitze!“ zu schreiben?

Im Rahmen eines Studiums der psychologischen Beratung habe ich mich diesem Themenbereich gewidmet und festgestellt, dass zur damaligen Zeit kaum Hilfsangebote oder literarische Quellen für Hilfesuchende verfügbar waren. Das Thema war und ist es in vielen Bereichen noch immer ein „Tabu“. Durch den Ratgeber habe ich diesen Missstand ein wenig aufzufangen versucht, was mir durch das Feedback vieler Betroffener Leser und Besucher der Webseite bestätigt wurde. Derzeit arbeite ich an einer Neuauflage des Ratgebers sowie an einem Fachbuch über die Iontophorese bei der mittels Strom das exzessive Schwitzen therapiert wird. Über die Jahre hinweg haben sich gerade was Therapieoptionen anbelangt doch so einige Neuerungen ergeben.

 

 

Abschließend möchte ich noch darauf hinweisen, dass ich kein Mediziner bin. Meine Ausführungen entbinden nicht von der Verpflichtung einer kritischen Überprüfung inhaltlicher Darstellungen. Das Einholen der unabhängigen Meinung eines Mediziners über Angemessenheit und Risiko einer Therapie, über Indikationen, Dosierungen ist notwendige Voraussetzung im Therapieprozess und erfordert das persönliche Gespräch mit einem fachkundigen Behandler.

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